Serie "Tektite", 2010

Ausführung der Glasbilder: Fusing - Glasverschmelzung mit verschiedenen Chemikalien zwischen 2 Gläsern,

Grafik als Schwarzlot-Malerei auf der Oberfläche eingebrannt, teilweise semitransparent, Hängung als Wandbilder

Ein Gärtner gläserner Oasen

Mit der Ausstellung "Tektite" demonstriert Wolfgang Nickel aus der Rhön seine Einzigartigkeit.

Schwer zu sagen, was an diesem Mann stärker beeindruckt. Ist es seine Kreativität, die Einzigartigkeit mit einer so immensen Wirkungsmacht verbindet, dass sich viele Menschen seinen Kompositionen aus Glas einfach nicht entziehen können? Oder ist es seine ungeheure Produktivität, mit der Wolfgang Nickel wie ein Gärtner über das ganze Land verteilt gläserne Oasen der Innerlichkeit und der Schönheit zum Gedeihen bringt?

Klar ist nur: Dieser Wolfgang Nickel, der in Georgenzell am Fuß der Rhön lebt und arbeitet, ist einer der spannendsten Künstler Deutschlands. Heute Abend wird in der CCS-Galerie Suhl seine Ausstellung "Tektite" eröffnet. Für alle, die sich auf Farben, auf Formen, auf Unerwartetes einlassen können oder wollen, ist diese Schau ein visuelles wie spirituelles Gesamterlebnis.

Auf Effekthascherei kann Wolfgang Nickel so gut verzichten wie auf Koketterie. Er weiß um den Wert des eigenen Schaffens: "Mir geht es darum, aus der Masse herausstechen." Als es um die Herausforderung geht, die der äußerst anspruchsvolle Werkstoff Glas darstellt, sagt er: "Es gibt schon eine gewisse Ausschussquote. Ein Drittel ist für die Tonne. Aber wenn es so einfach wäre, könnte es ja auch jeder."

In Kirchen und Krankenhäusern

Nickel arbeitet nicht allein für die Galerien. Im Gegenteil: So präsent im öffentlichen Raum wie er ist sonst kaum einer. Und, ob Zufall oder nicht, oft dienen die Gebäude, die Räume, in denen er Arbeiten hinterlassen hat, einer besonderen Funktion, führen Menschen an die Grenzen ihrer Existenz oder an die Schwelle zu Neuem.

In seiner umfangreichen Referenzliste taucht eine Justizvollzugsanstalt auf (in Gräfentonna). Eine Kaserne (Bad Salzungen). Dazu ein Standesamt (Schmalkalden). Besonders oft aber hat er in Kirchen und Krankenhäusern mit der Gestaltung von Fenstern oder Installationen den Räumen Charakter und Seele geben. Räumen also, in denen Menschen gelegentlich ihrem Inneren Ich ins Angesicht blicken - oder sich dazu gezwungen sehen.

Großformatige Fotos in der Suhler Ausstellung lassen die Wirkung auf die originalen Räume bereits erahnen. Eines der jüngsten Beispiele ist die Severikirche Erfurt. Die gelb-roten Farbtöne der Scheiben tauchen das Mittelalter in einen warmen, lebendigen Farbton. Anderswo spricht Blau von einer gedanklichen Annäherung an die Unendlichkeit.

Doch die Suhler Ausstellung bietet auch Werke, die extra für sie entstanden sind. Der Ausstellungstitel "Tektite" verweist auf natürliche Glas-Brocken, die entstehen, wenn Meteoriten auf die Erdoberfläche einschlagen und dabei Siliziumdioxid - nichts anderes also als gewöhnlichen Sand - zum Schmelzen bringen.

Fruchtbar und verheißungsvoll

"Zufallsprodukte" sind solche Brocken, sagt Nickel. Ebenso wie die Werke, die er nun zeigt. Ziel war, "auszuloten, ob es etwas gibt, das noch nicht ausgelotet ist". "Jeder Glaskünstler hat so seine eigenen Kochkünste", erklärt er. Und berichtet von Versuchsreihen, "fast wie ein Physiker", in denen Glaskünstler wie er etwa mit Brenn-Temperatur und Abkühlzeit experimentieren.

Bei seinen Tektiten hat Nickel zwischen zwei Scheiben vor dem Brennen allerlei Materialien angeordnet, wie er erzählt, etwa verschiedene Metallpulver. Ein winziger Wassertropfen unter die Scheiben bewirkt beim Brennen, dass sich das Glas einem Gebirge gleich in die Höhe reckt. Allzu genau aber will sich dieser Alchimist nicht die Geheimnisse seiner Probierstube entlocken lassen.

Eigentlich hat er Malerei studiert an der berühmtesten ostdeutschen Kunsthochschule, der Burg Giebichenstein in Halle. Doch wie der Zufall so will, es gab auch eine Glasklasse, dank der er die künftige Gattin und später auch die künftige Berufung fand. Mit der Glas-Tradition Thüringens hatte das nichts zu tun, sagt er. Dass er nach dem Studium zurück in seine Heimat kam, war weder ganz große Heimatliebe noch postulierte Gegenbewegung zur Stadt: Es gab einfach gute Arbeitsbedingungen.

Nein, auch im Glasland Thüringen ist Wolfgang Nickel kein Hüter und Bewahrer. Er ist ein Pionier. Und das neue Land, in das er vorstößt, es wirkt fruchtbar, es wirkt so aufregend wie verheißungsvoll.

 

technique: glass fusing - with chemicals between two pieces of glass, graphic branded as Schwarzlot painting on the surface, some are semi-transparent

A Gardener of Glass Oases

With the exhibition "Tektite" the glass artist Wolfgang Nickel shows his uniqueness...

Hard to say what is more impressing about this man. Is it his creativity that combines uniqueness with such immense power, which effects many people, so they can not escape compositions of glass? Or is it his immense productivity, with the Wolfgang Nickel as a gardener over the country distributed glass oases of inwardness and the beauty brings to thrive?

One thing is clear: Wolfgang Nickel, who lives and works in Georgenzell (Rhön), is one of the most exciting artists in Germany. Tonight opens his exhibition "Tektite" in the CCS Gallery Suhl. For those who can be inspired by colours, forms, and the unexpected, this exhibition is a visual and spiritual experience.

Nickel knows the value of his own work: "My target is to stand out from the crowd." When it comes to the challenge of the most demanding material glass, he says: "There is already a certain amount of rejects. One third is for the ton. But if it were that easy, everyone could do it..."

In churches and hospitals

Nickel doesn't only work for galleries. On the contrary: Nobody is present as him in the public domain. And whether coincidence or not, often the buildings and rooms, where Nickels work is shown, have a special function. His work leads people to the limits of their existence or to the border of new things.

His references are for example barracks in Bad Salzungen and a registry office in Schmalkalden. Often he works in churches and hospitals. He designs windows for rooms, which show soul through the design.

The exhibition in Suhl shows large pictures of his latest examples of work as the Severi Church Erfurt and also new pieces of work. The exhibition title "Tektite" refers to natural glass chunks, that are formed when meteorites hit the earth's surface, while silicon dioxide - that is nothing more than ordinary sand - melt.

Fruitful and full of promise

These are "random products", Nickel says. Just as the works he shows now. The aim was "to investigate whether there is something that is not yet explored." "Every glass artist has his own style and his own way of working," he explains. Nickel reports of trials, "almost like a physicist" in which glass artist as him experiment with temperatures and cooling times.

Actually, he studied painting at the famous East German Art University "Burg Giebichenstein" in Halle. There was also a glass class, where he found his future wife and later the future vocation. It had nothing to do with the glass-making tradition of Thuringia, he says. The fact that he came back to his home after University, was neither the patriotism nor the counter movement to the city: it was simply because of good working conditions.

No, even in the glass state of Thuringia Wolfgang Nickel is not a guardian and keeper. He is a pioneer. And the new country to which he pushes forward, it seems fruitful, it acts as exciting as promising.

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2013, Documenta-Projekt Kassel (13)

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Publikation: Buchbeitrag "Schmalkalder Reflexionen" (2017)